
Im Jahre 1900 herrschte eine Zeit des Umbruchs, in der traditionelle Werte auf die Moderne trafen. "Die Moderne" war eine Zeit der Verunsicherung, in der die Mentalität und Psyche mehr an Gewichtung annahmen. Im Deutschunterricht haben wir uns mit den theoretischen Grundlagen traditioneller und moderner Literatur beschäftigt, sowie mit dem historischen Wandel, den die Literatur um ca. 1900 gemacht hat. Dabei wurde schnell deutlich, dass es sich nicht nur um unterschiedliche Schreibstile handelt, sondern um grundlegend verschiedene Arten, Wirklichkeit, Mensch und Identität darzustellen. Industrialisierung, Urbanisierung, wissenschaftlicher Fortschritt und der Erste Weltkrieg führten zu einem massiven Wandel der Lebensbedingungen. Dieser "Schub der Zeit" brachte nicht nur technische Neuerungen hervor, sondern auch eine zunehmende Verunsicherung der menschlichen Psyche. Das hat wohl dazu geführt, dass viele Autor*innen zu dieser Zeit zunehmend Dissoziation, die Trennung bzw. den Zerfall von Wirklichkeit und Identität, und den Verlust von Kohärenz in ihren Texten miteinfliessen liessen.
Die literarische Moderne steht im Gegensatz zu der früheren traditionellen Literatur. Während diese noch von Ordnung, Kausalität und einem stabilen Welt- und Menschenbild ausgingen, reagiert die Moderne auf den Verlust dieser Gewissheiten. Der Lebensstil und Alltag der Menschen, die Technisierung, die Kommunikation – alles wirkt zu dieser Zeit beschleunigt. Diese wachsende Geschwindigkeit, die Unruhe und Hektik der modernen Welt führten zu einer Zeit der Neomanie, des begeisterten Strebens nach dem Neuen, und Neurose, einer übermässig verspürten psychischen Nervosität. Der Mensch erlebt sich zunehmend als fremd in der Welt, entfremdet von Natur, Gesellschaft und sich selbst. Literatur wird in dieser Zeit zum Ort, an dem innere Konflikte, Schuldgefühle und Identitätskrisen sichtbar gemacht werden – dabei aber nicht immer in offensichtlicher Form.
Diese inhaltlichen Unterschiede wurden im Unterricht besonders anhand zweier, eigentlich dreier Texte deutlich: Ein Doppelgänger von Theodor Storm als Beispiel einer traditionellen Erzählweise, sowie Die Ermordung einer Butterblume von Alfred Döblin und Der Process von Franz Kafka als Texte der literarischen Moderne. Storm bleibt in einer nachvollziehbaren, einheitlichen Erzählstruktur, Döblin und Kafka hingegen verweigern ihren Leser*innen eindeutige und verlässliche Erzählstrukturen und -instanzen. Begriffe wie Entfremdung, Traumlogik, innere Zerrissenheit und offene Bedeutungsstrukturen spielen dabei eine zentreale Rolle. Unter Entfremdung versteht man dabei das Gefühl des Menschen, sich selbst der Gesellschaft nicht mehr zugehörig fühlen oder im Allgemeinen gesagt das Gefühl von Anders sein in der Welt. Kafka beschäftigte sich in seinen Texten, aber offenbar auch persönlich, mit diesem Identifikationsverlust. Traumlogik bezeichnet eine Erzählweise, in der Ereignisse nicht logisch oder kausal verknüpft sind, sondern wie in einem Traum zufällig, widersprüchlich oder verzerrt erscheinen. Auch dieser Begriff ist eng verbunden, wenn wir an Kafkas Literatur denken. Die innere Zerrissenheit beschreibt den psychischen Konflikt im Innern des Menschen zwischen widersprüchlichen Gefühlen, Schuld und Trauma und offene Bedeutungsstrukturen weist darauf hin, dass Texte der Moderne, wie die Döblins und Kafkas, keine eindeutigen Antworten liefern, sondern verschiedene Deutungen zulassen und die Lesenden zur aktiven Interpretation und Reflexion zwingen.
Ein besonders aufschlussreicher Vergleich lässt sich zwischen Storms Ein Doppelgänger und Döblins Die Ermordung einer Butterblume ziehen. Beide Texte thematisieren innere Konflikte und Schuld, doch sie tun dies auf grundlegend unterschiedliche Weise.
Ein Doppelgänger ist eine sozialkritische, aber realistische Geschichte. Es wird das "reale Leben" dargestellt. Sozialkritisch weil es um die Verelendung von John Hansen geht. Er ist der "Abschaum der Gesellschaft" und wird darum auch ausgegrenzt. Realistisch ist in dieser Novelle, dass der wahre Stand aufgezeigt wird, was real ist und nicht, was weder beschönigt, noch verschlimmert wird. Die Geschichte konzentriert sich auf die inneren Kämpfe und sozialen bzw. psychischen Konflikte von John Hansen. Er hadert mit sich selbst, will eigentlich nicht gewalttätig sein, doch seine Triebe, seine "verspielte Ehre" und seine Umstände lassen ihn so weit kommen. (Storm: S. 34) Johns innerer Konflikt lässt er mit körperlicher Gewalt nach aussen sehen. Das steht zum einen in folgendem Abschnitt: ""Ich will dich nicht mehr schlagen", sprach er; "zerr mich nur, soviel du kannst!", und mit zärtlichen, unterwürfigen Augen blickte er auf sie hinab. [...] Und sie bückte sich und küsste seine Hand, mit der er sie vorhin geschlagen hatte." (Storm: S. 44) Oder Johns Tendenz zum Ausschwung und körperlicher Gewalt sehen wir auch im Höhepunkt der Novelle, in der er seine Frau schlussendlich in den Tod treibt, da er sich nicht beherrschen kann. Wir sehen jedoch die Erzählung ist strukturiert und erklärbar. John, sowie Erzähler, verändern sich nicht und sind die ganze Geschichte hindurch verlässliche und feste Figuren. Der Konflikt ist greifbar und deutbar. Diese Form der Darstellung entpricht einer traditionellen Auffassung von Literatur: Innere Krisen werden sichtbar gemacht.
Ganz anders verhält sich der Protagonist in Die Ermordung einer Butterblume. Herr Fischer handelt zu Beginn sehr impulsiv und ohne grosses Nachdenken, als er die Blume zerstört. Die Tat erscheint banal und sinnlos. Doch genau darin liegt ihre Bedeutung. Anders als bei Storm gibt es keinen klaren moralischen Rahmen, keine äussere Instanz, die den Konflikt ordnet. Stattdessen wächst die Schuld im Inneren Fischers unkontrolliert an. Die Reue steigert sich bis zur Verzweiflung, zu Selbsthass und sogar Selbstmordgedanken. "Sie hatten kein Recht ihn zu strafen; waren selbst verworfen. Ja, er hatte die Blume getötet, und das ging sie garnichts an, und das war sein gutes Recht, woran er festhielte gegen sie alle. Es war sein Recht, Blumen zu töten, und er fühlte sich nicht verpflichtet, das näher zu begründen." (Döblin: S. 70) Die Moderne zeigt hier einen entscheidenden Perspektivwechsel: Der Konflikt bleibt im Inneren des Menschen eingeschlossen. Zwar reagiert Herr Fischer auch nach aussen und "tötet" die Blume, doch sein Konflikt bleibt in ihm drinnen und zerstört ihn. Die Tat erhält keinen eindeutigen Sinn, sondern wird zum Auslöser seiner existenziellen Krise.
Dieser Unterschied hat auch eine klare Wirkung auf die Lesenden. Traditionelle Texte wie Ein Doppelgänger bieten Halt: Man kann Ursachen, Verhaltensmuster erkennen, Schuld einordnen und Entwicklung nachvollziehen. Moderne Texte hingegen erzeugen Irritation. Sie lassen Fragen offen und lassen über Handeln und Empfinden nachdenken. Gerade diese Unsicherheit spiegelt die innere Zerrissenheit des modernen Menschen wider.
Diese Form der Identitätskrise ist keineswegs nur auf die Zeit um 1900 beschränkt. Betrachtet man unsere Gegenwart, lassen sich erstaunliche Parallelen ziehen. In sozialen Medien präsentieren Menschen oft unterschiedliche Versionen von sich selbst. Identität wird formbar, anpassbar und abhängig von äusserer Bestätigung. Man verändert sich, um zu gefallen, um Anerkennung zu erhalten, doch verliert dabei möglicherweise seine eigene Identität.
So zeigt sich, dass die literarische Moderne bis heute noch nachwirkt. Ihre Texte konfrontieren uns mit der Frage, wie Identität entsteht, wie Schuld empfunden wird und wie wir mit inneren Konflikten und Widersprüchen umgehen.¹