#Deutsch#Autorität#Erziehung

Die verlorene Autorität der Eltern

23. Januar 2026

Ein Essay über die (verlorene) Rolle der Eltern als Autoritätspersonen.

Ein Elterngespräch

Suchen wir nicht alle grundsätzlich nach Liebe, Anerkennung und Bestätigung in unserem Leben? Dieses Bedürfnis begleitet uns ein Leben lang. Egal, ob wir als Kind in der Schule nach der Anerkennung unserer Freunde streben oder als Erwachsene sich für die Bestätigung im Job oder die Anerkennung des eigenen Kindes interessieren. Die Eltern unserer Eltern waren damals weniger darauf angewiesen, diese von ihren Kindern zu erhalten. Sie suchten und fanden bestimmt diese Anerkennung vermutlich in anderen Lebensbereichen, etwa in der Arbeit oder in sozialen Strukturen. Heute ist das ganz anders. Eltern nehmen oftmals eine ganz andere Rolle ein, verglichen mit dem Erziehungsstil früherer Generationen. Es scheint, als würden Eltern heute zunehmend diese Bestätigung in der Beziehung zum eigenen Kind suchen. Sie setzen ihr Kind an erste Stelle, was an sich nicht falsch ist, denn Kinder sollen geliebt, ernst genommen und stets unterstützt werden.

Problematisch wird es jedoch dann, wenn Eltern ihre Rolle als erziehende Instanz verlieren und stattdessen versuchen, Freunde statt aufklärende und erziehende Autorität zu sein. Das zeigt sich zum Beispiel in Konfliktsituationen, beispielsweise mit der Schule oder im Zusammenhang mit anderen Autoritätspersonen. Anstatt in einem Elterngespräch gemeinsam nach Lösungen zugunsten des Kindes zu suchen, stellen sich manche Eltern reflexartig auf die Seite ihres Kindes und versuchen es zu verteidigen - unabhängig davon, ob zurecht oder nicht. Oft sind es gerade jene Eltern, die sich selbst als Kinder stark nach Liebe und Anerkennung gesehnt haben, die im Erwachsenenalter nun Anerkennung bzw. Bestätigung in ihren eigenen Kindern suchen. Doch diese Bestätigung kann und sollte kein Kind zu erfüllen brauchen, denn die Rollenverteilung von Kindern im Verhältnis zu ihren Eltern sieht ganz anders aus.

Der Schweizer Erziehungswissenschaftler Roland Reichenbach kritisiert in einem Interview genau dieses Erziehungsverhalten. Eltern handeln pädagogisch fragwürdig, wenn sie ihre Kind nicht aus Verantwortung, sondern aus eigenem Bedürfnis nach Anerkennung schützen. Doch ich frage mich: Wann nimmt dieses Verhaltensmuster ein ungesundes Ausmass an? Wer nie Widerspruch erlebt und nie die Konsequenzen seines Handelns tragen muss, lernt nicht, mit Fehlern umzugehen oder Rücksicht auf andere zu nehmen. Mit solch behütendem Verhalten wird nicht nur die Autorität der Schule und Lehrpersonen geschwächt, sondern auch dem Kind ein verzerrtes Bild von Verantwortung vermittelt.

Erziehungswissenschaftler kritisieren das zunehmend überfürsorgliche und beschützende Verhalten vieler Eltern. In einem Interview in Das Magazin vertritt der Schweizer Erziehungswissenschaftler Roland Reichenbach die Meinung, dass Eltern pädagogisch fraglich handeln, wenn sie aus eigenem Interesse versuchen ihr Kind zu beschützen (Z. 7f.). Das beeinflusst Kind, Eltern sowie die Beziehung der Eltern zu ihrem Kind. Das Kind denkt, dass man alles machen kann ohne Konsequenzen davonzutragen, da die Eltern sowieso sie beschützen werden. Die Perspektive der Eltern sieht etwas anders aus. Man sehnt sich nach dieser Liebe, also erlässt man so viel Freiheit, wie nur möglich ist. Das sogenannte «Laisser-faire». Doch Eltern kommen, ihren Kindern gegenüber, in eine emotionale Abhängigkeit. Das Wohlwollen des Kindes wird zur Quelle der eigenen Selbstbestätigung. So verschiebt sich das Machtverhältnis. Nicht mehr die Eltern geben Orientierung, sondern das Kind bestimmt, wie sich die Eltern verhalten.

So schwierig es auch sein mag als Eltern sollte man zwar stets zu seinem Kind halten, aber auf eine gesunde Art und Weise. Wenn es beispielsweise um einen Konflikt in der Schule oder mit anderen Beteiligten geht, ist es besser, gerecht und fair auf beiden Seiten zu bleiben, statt das eigene Kind zu Recht oder zu Unrecht zu verteidigen.

Wenn ich mir überlege, wie deutlich sich unsere Gesellschaft pädagogisch weiterentwickelt hat, im Vergleich zur früheren Generation können wir einerseits über diesen Fortschritt staunen, dass viele Eltern eine gute Beziehung mit ihren Kindern pflegen möchten. Andererseits muss man sich eingestehen, dass der Wert der Autoritätsperson - und damit der Begriff der «Autorität» - zunehmend abnimmt. Viele junge Eltern entfernen sich von dieser Rolle, die sie eigentlich einnehmen sollten. Sie wollen die "coolen", nicht strengen Eltern sein, die mehr in die Rolle einer Freundschaft anstatt einer Eltern-Kind-Beziehung schlüpfen.

Verständlicherweise will man als Elternteil nur das Beste für sein eigenes Kind. Da besteht dieser «Impuls» – den jeder von uns in sich trägt – in eine defensive Position zu kommen und «allein sein Kind zu schützen» (Z. 3). Sei es die Freiheit, eine schöne Kindheit oder seinem Kind eine gute Ausbildung zu ermöglichen. Als Elternteil geht es dann plötzlich nur noch «um mich [selbst]» und man sucht und sehnt sich nach dieser Bestätigung des Kindes (Z. 7). Doch diese Suchen nach Anerkennung entspricht nicht der Rolle, die die Eltern einnehmen sollten. In solchen Fällen braucht es vielmehr eine Balance zwischen Autorität und unterstützender Fürsorge seinem Kind gegenüber. Diese Autorität darf dabei nicht in problematische Muster früherer Generationen zurückfallen, etwa in Form von physischer Gewalt. Sondern vielmehr in Liebe zurechtweisen und Grenzen, angemessen für das Kind, setzen. Denn dieser Begriff Autorität, dieses «ambivalente Phänomen» (Z. 12), hat auch seine Stärken.

Wie sollten also Eltern ihre Rolle gegenüber ihrem Kind ausüben? Indem sie nicht aus Impuls und Selbstbezogenheit handeln, sondern ihrem Kind als verlässliche Autorität begegnen und es mit Regeln und Grenzen, Orientierung und Zuwendung in Liebe erziehen. Denn wir alle haben eine solche Beziehung zu unseren Eltern verdient. Als Gesellschaft sollten wir daher versuchen, diese Vorstellungen und Rollenbilder bewusst zu fördern und umzusetzen.